Nil-Kreuzfahrt- Mit traditioneller Feluke unterwegs

Porträtansicht Mann in Ägypten vor den PyramidenWir haben es nicht anders gewollt. Und umkehren ist nicht. Das widerspräche unserer Traveller Ehre. Eben noch hatten wir in unserer 120 qm Suite die letzten Sachen zusammen gepackt und für alle Fälle die Handys bis zum Anschlag aufgeladen. Wir hatten ein letztes Mal ausgiebig geduscht und dann opulent gefrühstückt. Drei Kellner waren diensteifrig um uns herumgehuscht, hatten unentwegt Kaffee nachgeschenkt, Müsli und das 4 1/2 Minuten-Ei serviert. Und frischen Orangensaft. Im Restaurant „1902“ in Assuans Old Cataract Hotel funktioniert der Service noch nach alter britischer Schule. Über uns wölbten sich gestreifte Spitzbögen, baumelte ein riesiger Kristallkandelaber von verschnörkelter Kuppel, schmückten Schwarzweißfotos von berühmten Stammgästen die Wände. Agatha Christie was here. Hier hatte sie sich zum Krimi „Death on the Nile“ inspirieren lassen. Das verschaffte dem Hotel am oberen Nil Weltruhm.

Jetzt hocken wir zu viert auf zwölf Quadratmetern dünner Matratze. Unter meinem Po drücken harte Holzbretter. Einige Hotelgäste hatten von der Terrasse unseren Abstieg verfolgt. Das darf man nicht nur wörtlich nehmen. Unten auf dem Nil dümpelte unsere Feluke, ein dickbäuchiges traditionelles Segelboot aus Holz von neun Metern Länge und drei Metern Breite. „Have a nice day“, rief uns jemand hinterher. Einen Tag? Vier Tage und Nächte werden wir auf diesem Schiff verbringen. Vier Tage und vier Nächte ohne Klo, ohne Kabine, ohne Küche. Sorry, letzteres stimmt nicht ganz. Auf dem halben Meter breiten Spalt zwischen Matratzenlager und Kabäuschen, dort wo sich Kapitän Hassan samt Copiloten Achmed zum Schlafen zusammenrollen, steht ein Gaskocher mit einer Flamme, daneben die Kühlbox. Sie ist mit Bier gefüllt. Dafür hatten wir gesorgt. Die Zusammenstellung des restlichen Proviants überließen wir Hassan.

Wir legen ab. Ade, Luxuswelt! Hallo alter Nil, wir kommen. Die Luft ist noch erträglich. Keine Wolke am Himmel, kein Wind. In der Tagesmitte wird sich die Temperatur bei 35°C einpendeln. Wir treiben im Zeitlupentempo flussabwärts. An der Insel Elephantine vorbei, wo wir tags zuvor das Jahrtausende alte Nilometer bewundert hatten. Okay, außer ausgetretenen Treppen und schnurgerade geritzten Linien in den alten Steinplatten war nicht viel zu sehen. Nil und Tempelansicht ÄgyptenAber mir gefiel seine frühere Funktion. Je nach Wasserstand wurden die Steuern berechnet. Die höchsten, wenn das Wasser den mittlerer Pegel erreichte. Dann lagerte der Nil genug fruchtbaren Schlamm an seinen Ufern ab, die Bedingungen für Saat, Wachstum und Ernte waren optimal. War der Wasserstand zu hoch oder zu niedrig, mussten die Bauern wenig oder gar nichts zahlen, weil ihre Felder zu lange überflutet bzw. trocken blieben. Seit dem Bau des Assuan Staudammes 1971 führt der Nil das ganz Jahr über in etwa diegleiche Menge Wasser. Jetzt sind mehrere Ernten möglich.

Wir liegen und schauen, unsere zusammengerollten Schlafsäcke als Stütze unter dem Nacken. Stehen geht nicht. Dafür hängt die Plastikplane zu niedrig, die uns gegen die stechende Sonne schützt. Wie ein endloser Film zieht das Nilufer vorbei. Eine potemkische Szenerie: Grüne Gemüsebeete und Weizenfelder, dahinter ein paar Reihen Dattel- und Ölpalmen. Hin und wieder ducken sich braune Häuschen aus Lehm dazwischen. Und 100 Meter weiter dahinter, für uns unsichtbar, die Wüste. Allein bei der Vorstellung wird die Kehle trocken. Ein kühles Bier dagegen hilft Wunder . Auf dem Gaskocher brutzelt unser Lunch. Nudeln mit Tomatensauce. Dazu hat der Kapitän einen geheimnisvollen Dipp angerührt. Rezept von Oma, sagt er lakonisch. Sieht aus wie Nilschlamm, schmeckt aber köstlich. Am Ufer ein Bild von biblischer Schönheit: Zwei Esel traben auf der Uferböschung entlang. Der erste trägt ein Ehepaar. In ihren langen Gewändern, mit große Baumwolltüchern über dem Kopf und Sandalen an den mageren Beinen hätten sie vor 2000 Jahren wohl nicht anders ausgesehen. Der zweite ist mit Grünzeug beladen. Ein dürres Rind und ein paar zottelige Schafe trotten hinterher. Um die Gruppe herum rennt bellend ein Hund. „Bethlehem Package“, sagt Jochen trocken. Ansonsten passiert wenig.

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