Nil-Kreuzfahrt- Mit traditioneller Feluke unterwegs

Der Nil bietet Ruhe und Erholung

Aber selbst das Wenige wird plötzlich interessant. Eisvögel stehen wie blaue Mini-Bumerangs in der Luft und lauern auf Beute im Wasser. Austernfischer (jedenfalls sehen sie so aus) eilen piepend über den Strand. Auf einer Sandbank grast in aller Ruhe ein Wasserbüffel. Keine nervigen Geräusche, keine Hektik, kein Kulturstress. Das im normalen Leben unentwegt dudelnde Gedankenradio im Kopf hat sich abgeschaltet. Die Ruhe im Niltal steckt an. Schauen und träumen. Unsere Bücher sind noch nicht ausgepackt. Sie werden bis zum Ende der Fahrt in der Tasche bleiben. Wir sind zu faul zum Lesen. Immer noch kein Wind.

Aber jetzt liegt ein entferntes Wummern in der Luft. Es wird lauter. Erst ist nichts zu sehen, aber dann schiebt sich wie ein weißes Monster ein Nilkreuzfahrer um die Flussbeuge. Dann noch einer und noch einer. Wir schippern auf Kollisionskurs. Die Strömung treibt uns genau auf das Riesenschiff zu. Was nun ? Er bremst nicht ab, er weicht nicht aus. David gegen Goliath. Mir kommt die Filmszene in den Sinn, wo auf der Golden Gate Bridge zwei Autos aufeinander zurasen. Mutprobe. Wer ausweicht, hat verloren. Mit dem kleinen Unterschied, dass wir auf alle Fälle den Kürzeren ziehen. Ein lauter Ruf hallt über den trägen Nil. „ Weg da!“ Zumindest hört es sich so an. Hassan lächelt cool und legt sich dann mit seiner ganzen Leibesfülle ins Ruder. Sekunden vergehen. Ganz, ganz langsam schiebt sich unser schwerer Kahn aus der Fahrlinie. Jetzt sind es nur noch hundert Meter bis zum Knall. Wir sind bereit über Bord zu springen. Im letzten Moment zieht der Steuermann des Kreuzfahrers nach backbord. Die Gäste an Deck johlen, kippen bei dem Manöver fast aus den Liegestühlen. Mir rollen Angstperlen den Rücken runter. Gerade noch geschafft. Ich kann fast die Bordwand berühren, so knapp verlief die Aktion. Auf dem Nil herrscht offensichtlich das Gesetz des Stärkeren.

Feluke vor der Tempelanlage von Kom OmboIrgendwann muss jeder mal pinkeln oder größere Geschäfte erledigen. Aber wo? An beiden Ufern erstrecken sich nur Strand und Wiesen bis zum Wüstenrand. Dann taucht die Sonne ab. Ein wunderbares Spektakel, nur dass es keiner von uns wegen dringender Bedürfnisse so richtig genießen kann. Zehn Minuten später ist es stockdunkel. Kein Mond scheint helle. Dann endlich haben wir unseren Übernachtungsplatz erreicht. Endlich wieder Boden unter den Füssen. Weiße Klopapierstreifen leuchten im Sternengeglitzer. Wäre die Luft nicht so staubtrocken, würde es hier wahrscheinlich zum Himmel stinken. Die Erleichterung aller Beteiligten ist uns einen ordentlichen Schluck Whiskey wert. Dank Knockando schlafen wir tief und fest.

Beim Aufwachen trudeln wir schon lange wieder auf dem Fluss. Hassan hatte um vier Uhr abgelegt und keiner hat´s gemerkt. Die Nacht war empfindlich kalt. Nicht dran zu denken, was wir ohne unsere dicken Daunenschlafsäcke gemacht hätten. Einen Sprung in den Nil? Nöö, jetzt noch nicht. Oder stinken wir bereits? Die Nase gewöhnt sich an alles. Keiner riecht was. Endlich ein Windhauch. Quietschend geht das schwere Tuch nach oben, die alte Feluke antwortet mit Ächzen und Stöhnen. Die Sonne geht auf, taucht die bizarren Felsen am westlichen Ufer in rosagelbes Licht. Kom Ombo kündigt sich mit einer langen Ufermauer an, mit zehn Kreuzfahrschiffen am Kai und einem Polizeiboot, dass auf uns zu rast. Vier Mann kontrollieren mit grimmigem Gesichtsausdruck Hassans Papiere. Zu uns sind sie auch nicht freundlicher. Alles in Ordnung, wir dürfen aussteigen. Tempelbesichtigung. Die Kreuzfahrer sind noch beim Frühstück. Wir haben das Terrain für uns allein. Kein Geschiebe wie in Abu Simbel, keine Reiseführer, deren Erklärungen auf englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch, japanisch und russisch wie ein falsch gestimmter Chor in den ehrwürdigen Kammern hallen.

Dann liegen wir wieder auf unseren Matratzen und schauen. Man könnte meinen die Uhr tickt langsam. Stimmt aber nicht. Die Zeit vergeht schneller als wir denken. Bier trinken, Lunch essen, dösen, Kaffee trinken, Sweets essen, dösen. Ein Besuch im Nubierdorf Ramadi. Die schöne Aida malt mir mit Henna Ornamente auf die Füße, den Männern wird Tee serviert. Im winzigen Hof gackern Hühner. Ob wir eines kaufen wollen? Hassan winkt ab. Zu mager, sagt er später. Um halb sechs wird es dunkel. Millionen von Sternen blitzen, der Malt macht die Runde. Bald hat uns die Zivilisation wieder. In Luxor wartet ein umfangreiches Besichtigungsprogramm von Tempeln und Gräbern. Und der „Winter Palace“. In weichen Betten schlafen, duschen und room service? Wollen wir das? Eigentlich könnten wir jetzt gut darauf verzichten. Auf unserer Feluke fehlt uns nichts.

Feluken-die traditionallen Nil-Schiffe

 

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